|
Am
Anfang war eine Idee
In der Romantik war es im
Kreise der Bürger weit verbreitet, sich zu »Ritterbünden« zusammenzuschließen.
So partizipierte Goethe 1771 an der Wetzlarer Rittertafel, Ludwig Schwanthaler
gründete 1824 in München das Ritterbündnis »Zum Einhorn«. Solche
Vereinigungen pflegten die Geselligkeit in irrealem Rahmen und kultivierten
Illusionen und Spieltrieb.
Es war im Jahre 1868, als
der Reiteroffizier und Kunstmaler Ludwig von Nagel in Bayreuth die »Schwaabengesellschaft«
als seinen Freundeskreis ins Leben rief. Den Namen entlehnte er von den
Wirtsleuten Schwaab, in deren Gaststätte man regelmäßig zusammenkam. In 14
gereimten Paragraphen formulierte von Nagel Statuten, die der Pflege von
Freundschaft und Humor dienten.
Als bei den
»Schwaaben«
der Ton zu rauh und die Unterhaltung allzu gepfeffert wurde, zogen sich von
Nagel und seine engeren Freunde zurück, um auf gepflegterer Ebene einen neuen
Bund ins Leben zu rufen. Von Nagel war nicht nur Offizier, sondern auch ein
begabter Kunstmaler. Das brachte ihn auf den Gedanken, zeichnerisch veranlagte
Leute in einer speziellen Vereinigung zusammenzubringen. Der Zufall hatte ihm
eine Geschichte der alten holländischen Meister in die Hände gespielt. Und so
gaben die Mitglieder der St. Lukas-Gilde in Antwerpen der neuen Gesellschaft den
Namen: Die Niederländer.
Niederland
entsteht
Getreu
seiner Zeit wählte von Nagel für seine Gesellschaft eine irreale
Umgebung, im Gewande eines fiktiven Frühbarock. Sie bedient sich einer
Sprache, die der des Simplizissimus entlehnt ist und zählt die Zeit nach
Jahrtausenden.
Im »Losament«,
dem Ort der Zusammenkünfte, wird aus dem gestreßten Manager ein »Mynheer«,
der seines Alltagshabitus entkleidet und mit einem »Wämslyn« angetan
wird, das der Tracht der Altniederländer nachempfunden ist. Weltliche
Titel und Namen spielen im Niederland keine Rolle, die Anrede bildet ein
besonderer niederländischer Name mit einem vorangestellten »van« und
ein freundschaftliches »Du«.
Bei den
»Wachten«, »Kneipen« oder »Fahrten«, wie die regelmäßigen
Zusammenkünfte genannt werden, herrscht eine gar gestrenge Ordnung. Sie
ist in einem eigenen »Kodex« niedergelegt und wird von einer ganzen
Reihe von »Ämtern« durchgeführt und überwacht. Diese Regelungen
strukturieren die Zusammenkünfte und sie bieten den stets willkommenen
Anlaß, sich an ihnen augenzwinkernd zu reiben. Themen aus der
Welt des Alltags sind verpönt und Zuwiderhandlungen gegen den Kodex
werden durch die niederländische Gerichtsbarkeit sofort geahndet.
Willkommen
sind Beiträge aller Art, sei es in Wort oder Schrift, als Bild oder
Musik. Als Anstoß und Anregung wird jeden Monat ein Thema gestellt, das
in beliebiger Form bearbeitet werden soll (aber nicht muß!). Die »Aufgablösungen«
sind deshalb das Salz in der Suppe der Wachten. Auf Perfektion kommt es
dabei nicht so sehr an wie auf Witz, Spontaneität und persönliches
Engagement. Improvisation und Dilettantentum gehören zum Niederland
ebenso wie die sprichwörtliche "niederländische Schlamperei".
Aber auch wer sich im Reich der Musen nicht ganz zu Hause fühlt, findet
im Rahmen der niederländtischen Ämter immer die Möglichkeit, zum
Gelingen der Zusammenkünfte beizutragen und die Geselligkeit stilgerecht
zu fördern.
Freilich:
Das Niederland ist eine Herrengesellschaft. Damen sind bei den Treffen
nicht zugelassen. Niederland lebt von der Toleranz der »Mynfrauen«, die
auf ihre bessere Hälfte am Freitag- oder Samstagabend verzichten und
dennoch am Niederländerleben intensiv anteilnehmen. Für diese Toleranz
dankt Niederland durch die »Mynfrauenwacht«, die einmal im Jahr(tausend)
in besonders festlichem Rahmen begangen wird.
Als von
Nagel unter dem niederländischen Namen Adrian
van Os vor 135 »Jahrtausenden« seinen Bund gründete, hat er
wohl kaum geahnt, welche Verbreitung seine Idee erfahren würde. Mynheers,
die dem ersten, von van Os gegründeten »Malkasten« angehörten, gründeten
alsbald neue Sozietäten, wenn sie versetzt oder durch sonstige Lebensumstände
an einen anderen Ort verschlagen wurden. Ausgehend von Bayreuth und Würzburg
erfuhr Niederland hierdurch vor allem in Bayern und den damals zu Bayern
gehörenden Gebieten eine weite Verbreitung. Heute gibt es 21 Sozietäten
mit etwa 400 aktiven Mitgliedern; in schöner Unregelmäßigkeit
sorgt der »Postreutter Allniederlands« für den Austausch von
Nachrichten und die Verbreitung besonders gelungener Aufgablösungen.
Höhepunkt
des Jahres ist in den letzten Maitagen das Treffen aller Niederländer zur
»Großen Weltumsegelung« im romantischen Städtchen Pappenheim an der
Altmühl.
Wie
wird man Niederlländer?
Nicht
durch einen Antrag, und nicht durch nur einen Beitrag! Wenn Sie das Motto
»Froh Gemüt, geschickte Hand!« anspricht, wenn Sie sich unverbindlich
informieren möchten, dann lassen Sie sich doch einmal von einem Mynheern
zu einer der Wachten einladen. Sie nehmen als »Gästlyn« am Leben der
Sozietät teil, sie machen sich allmählich mit den Gebräuchen und
Gepflogenheiten vertraut.
Wenn Sie eines Tages das Gefühl verspüren, »dazu zu gehören«, dann
ist es soweit: Dann kann das Zeremoniell der niederländter »Taufe«
anheben. An die Stelle des förmlichen »Sie« tritt das freundschaftliche
»Du«. Mit Ihrem neuen Niederländer Namen, eingekleidet mit dem Wämslyn,
erhalten Sie einen »Reichspaß«, der Sie allen Sozietäten gegenüber
als echten Mynherrn ausweist.
VAN
|